Mitgliedschaft: Heimatverein Aurich e.V. · Niederdeutscher Bühnenbund Niedersachsen und Bremen e.V. · Arbeitsgemeinschaft ostfriesischer Volkstheater e.V.

Die Geschichte der Spöldeel im Heimatverein Aurich

Von Fritz Sieden

Am 21. März 1921 gründeten interessierte Bürger den Heimatverein Aurich. Diesen Bürgern lag es besonders am Herzen, gegenüber den verflachenden Tendenzen der Zeit das Heimat- und Stammesbewusstsein zu wecken, zu schützen und zu pflegen.

Um diese selbstgestellte Aufgabe noch zu erweitern, beschloss der Heimatverein am 24. April 1923 eine eigene Spöldeel zu gründen, wobei die bestehenden Ausschüsse eine Selbständigkeit innerhalb einer gewissen Fühlungsnahme mit dem Vorstand erhalten sollte. Schon vor dieser Gründung hatten bereits Aufführungen stattgefunden. Das Schauspiel ‚.Almuth Folkerts“ wurde unter der Leitung des Herrn Rektors Krack schon 1920 aufgeführt. Die Ostfriesischen Nachrichten vermerkten für dieses Stück großen Erfolg. Im Saale von Behrends in der Hafenstraße fand später noch die Aufführung des Lustspiels "Hinnerk un Tätje hebben Geld wunnen" statt.

Plakat zu "Hinnerk un Tätje hebben Geld wunnen"

Eintrittskarte aus dem Jahre 1922

Da diese Stücke von einer Spielgruppe aufgeführt wurden, die nur in einem losen Zusammenhang stand, wollte der Verein eine Spielschar schaffen, die einen festen Bestand hatte und aus eigenem Ermessen weitere Aufführungen gestalten konnte.

Als erstes Stück dieser neuen Spöldeel gelangte nochmals das Spiel in ostfriesischer Mundart „Hinnerk un Tätje hebben Geld wunnen“ zur Aufführung. Es wurde von den gleichen Schauspielern wie die Erstaufführung gestaltet.

Autor dieses Stückes war der Butenostfriese Dr. Rudolf Bielefeld, den die Ostfriesischen Nachrichten als „‘n rechten Ostfrees, de ook in de Frörmd sien Modersprak un sien Heimat trö blifft“ nannten. Dr. Bielefeld erteilte gern die Erlaubnis das Stück aufzuführen und war mit dem vom Verein vorgeschlagenen Betrag in Höhe von 100 Mark zufrieden. Für weitere Aufführungen hielt er 10 % des Reingewinns für angemessen.

Nun galt es noch die Genehmigung für die am 5. April 1922 vorgesehene Aufführung von der Auricher Polizeiverwaltung zu bekommen. Gleichzeitig erbat man die Befreiung von der Lustbarkeitssteuer, die aber von der Stadt mit Schreiben vom 31. März 1922 abgelehnt wurde. Die zur Ausgabe gelangenden Eintrittskarten mussten „zur Abstempelung rechtzeitig im Zimmer 6 des Rathauses vorgelegt werden“. Das Spiel wurde unter der Leitung von Fritz Ebel mit großem Erfolg in Brems Garten aufgeführt. Die Ostfriesischen Nachrichten widmeten dem Stück und den Spielern eine in ostfriesischem Platt gehaltene begeisterte Kritik. Das gleiche Spiel wurde am 29. April 1922 vor einem übervollen Saal in der Gastwirtschaft Cassens in Mittegroßefehn ebenfalls mit großer Begeisterung aufgenommen.

Ein weiteres Stück führte die „Gesellschaft für bild. Kunst und vaterl. Altertümer“ mit dem Schauspiel „Sirk von Friedeburg“ am 1. Mai 1923 auf eigene Rechnung in Brems Garten auf. Das sehr gut besuchte Stück hatten die Mitglieder des Heimatvereins Aurich durch Beschaffung der Bühnenein­richtung und der Saalkontrolle wirkungsvoll unterstützt. Dieses Spiel selbst war von Tilemann Dotias Wiarda verfasst und nach einer Handschrift aus dem Jahre 1794 aufgeführt.

Als zweites Heimatspiel wählte die Spöldeel für die Aufführung am 26. und 30. November 1923 „De Verschriebung“ von Heinrich Behnken, Hamburg, aus. Auch diese Aufführungen beachten die Ostfriesischen Nachrichten mit großem Lob. Der Verfasser hatte als Saaler 6 % der Bruttoeinnahmen und 10 % für weitere Aufführungen in Rechnung gesetzt. Die dritte Aufführung dieses Spiels fand am 16. Dezember 1923 zu Gunsten der Volksküche in Aurich statt. Es konnten 175 Mark oder 175 Billionen Papiergeld nach der alten Währung an die Küche abgeliefert werden. Wegen des sozialen Zwecks dieser Auf­führung erließ die Stadt diesmal die Lustbarkeitssteuer. Die Darsteller dieser ersten Stücke der neuen Spöldeel wurden in den Programmen nicht aufgeführt. Da aber die Ostfriesischen Nachrichten in ihren begeisterten Kritiken die Mitwirkenden namentlich aufführten, können wir sie dennoch nennen. Im Spiel „Hinnerk un Tätje“ wirk­ten mit: Lübbert Eden, Mester Brackhuis aus Walle, Cäcilie Smit, Heini Speckmann, Dora Flessner, Carl Düpree, August und Lisa Flessner.

Ein großes Problem für die Spieler war die Beschaffung von Räumlichkeiten, in denen sie die notwendigen Proben abhalten konnten. Zunächst hatten sie einen Raum im Seminar. Da aber der Seminardirektor über solche Übungsstunden seine stolze Nase gerümpft haben sollte, wie Herr Ebel in seinem Schreiben vom 20.Februar 1922 an den Vorsitzenden des Heimatvereins berichtete, wollte er seinerseits das Seminar nicht mehr betreten. Bürgermeister Schwiening erlaubte dann 1924 der Spöldeel an einigen Tagen ein Zimmer der Stadtschule zu benutzen. Für Kosten der Feuerung und Beleuchtung sollte eine Gebühr von 50 Goldpfennigen entrichtet werden.

Als drittes Heimatspiel wurde das Stück „Gib mir das Licht“ ausgewählt. Mit diesem Spiel wollte die Spöldeel beweisen, dass sie nicht nur Lustspiele in ihrem Repertoire hatte, sondern auch durchaus die Fähigkeit besaß zur Aufführung ernster Dramen. Ca. 300 Personen besuchten das Stück am 1. April 1924 in Brems Garten. Gegen Einnahmen von 360 Mark standen Ausgaben von 270 Mark. Auch für diese Aufführung erließ die Stadt nicht die erbetene Vergnügungssteuer. Als nächste Vorstellung fand „Wittensand“ von Siefkes 1926 statt. Am 2. April 1927 wurde „Dat leewe Geld“ von Heinrich Behnken aufgeführt. Das heitere Schauspiel „De Hochtied in de Pickbalje“ von Wilhelm Scharrelmann wurde am 16. und 18. April 1928 gezeigt und am 26. Oktober 1928 „Faderhuus“ von Siegfried Siefkes.

Da der finanzielle Erfolg dieser Aufführung für die heimatlichen Bestrebungen des Heimatvereins verwendet werden sollte, erließ auch dieses Mal die Stadt die Kartensteuer. Darauf folgte das Heimatspiel „Sodom und Gomorrha“ von Heinrich Behnken am 6. und 8. September 1929. Am 3. und 6. April 1930 stand das Stück „Pulterabend“ von Friedr. Lange auf dem Programm, gefolgt am 20. März 1931 von „Dat Lock in dc Häg“ von H. Balzer. Am 1. Oktober 1933 wurde unter der Regie von Frau Dr. Daniel das Drama „Klaus Störtebeker“ aufgeführt. Die Mitspieler Kasjen Düpree, Gertrud Schüler, Erwin Dähne, Margarethe Janssen, Ernst Stottmeyer und Hans Balke ernteten großen Beifall. Auch die Presse zeigte sich von der Aufführung sehr angetan.

Zur 400-Jahrfeier der Stadt Aurich leistete die Spöldeel am 30. 6. und 2. 7. 1939 mit dem plattdeutschen Volksstück „Unner Napoleon“ ihren Beitrag.

Der Krieg von 1939 bis 1945 brachte darauf alle Aktivitäten der Spöldeel zum Erliegen.

Doch schon kurz nach dem Kriege entwickelten der neue Vorsitzende des Heimatvereins und der Leiter der Spöldeel Maßnahmen, um das kulturelle Angebot für die Stadt Aurich zu erneuern.

Die damals für sämtliche öffentliche Angelegenheiten zuständige Britische Militärregierung hatte bereits das plattdeutsche Bühnenstück „Wittensand“ von Siegfried Siefkes für die ostfriesischen Kammerspiele in Leer freigegeben. Darauf wurde nun auch der Spielleiter des Heimatvereins Aurich, Hinrich Schoolmann, autorisiert, das gleiche Schauspiel am 14. und 15. Dezember 1946 aufzuführen. Nun hatte Hinrich Schoolmann als Spölbaas die Freiheit mit Edo Schmidt, Marie Wullekopf, Henny Wilken, Maria Behrends, Wilhelmine de Buhr, Gottlieb Schmidt, Hermann Edzards, Ferdinand Twardokus, Herbert Bock, u. a. einen neuen Beginn der Spöldeel zu machen. Der Bühnenbildner Kurt Harke hatte für die Aufführungen am 14. und 15. Dezember 1946 mit einfachen, den Zeitumständen bedingten Mitteln eine Bühnenausstattung geschaffen, die nicht nur in ihrer technischen, sondern auch in ihrer künstlerischen Gestaltung volles Lob verdiente. Den Reinerlös von 2393 RM überwies der Vorsitzende des Heimatvereins, Dietmar Dunkmann, an das Hilfswerk der freien Wohlfahrtsverbände.

Am 7. Februar 1948 gelangte dann das „pleerlike“ Heimatspill „Mannslü sünd Pack“ im Ahrenholz Garten zur Aufführung. Dieser Saal stellte von 1946 bis 1949 der Spöldeel seine Bühne zur Verfügung.

Ein großes Problem, das die Spieler in der Vergangenheit bedrückte und später noch lange bedrücken sollte, war die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, in denen sie proben und auch evtl. sogar ihre Requisiten aufheben konnten. Die zwei Räume, die sie zunächst benutzen konnten, haben wir bereits oben erwähnt.

Aber auch die späteren waren ihnen immer nur zeitweise zugänglich. Nach dem Kriege bot ihnen der Heimatverein an, einen Raum im Hause Dinkgräve mit zu benutzen. In der späteren Folge tagten sie nacheinander in der Reilschule, in der Hubertusschenke bei der Reithalle neben der Ulferts-Brauerei. Größere Entfaltung boten nacheinander die aufgelassenen Schulen von Haxtum und danach Extum. Gegen 1970 bot ihnen der Stadtdirektor Friemann das Gebäude der ehemaligen Versuchs- und Lehranstalt in Haxtum als Heimstätte an. Die Räume dort befanden sich nicht in allerbestem Zustand. 24000 DM mußten aufgebracht werden, um die Räume in einen brauchbaren Zustand zu bringen. Durch Investitionen und besonders durch Eigenleistung konnte diese Summe aufgebracht werden. Im Gegenzug dazu erkannte die Stadt diese Leistungen an und gewährte der Spöldeel eine Mietfreiheit von zehn Jahren. Damit hatten die Spieler eine Freiheit gewonnen, in der sie sich voll entfalten konnten. Zwischen Herrn Thomsen, der im Auftrage des Stadtbauamtes die Aufsicht über die Umbauten führte, und der Spöldeel entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft, die auch weiterhin Bestand hielt.

Erster Spielleiter war, wie schon oben angeführt, Fritz Ebel. Als weitere Spielleiter führten Hinrich Schoolmann und nach ihm Edo Schmidt die Spöldeel. Im Sommer 1961 legte dieser aus Gesundheitsgründen das Amt nieder. Er starb dann am 11. März 1962. Nach Edo Schmidts Rücktritt wurde Albert Janssen zum Spölbaas gewählt, der dieses Amt bis zum Jahr 2002 innehatte und maßgeblich an dem großen Erfolg der Spöldeel beteiligt ist.

Als im Jahre 1959 die „Quade Foelke“ auf der Freilichtbühne in Wiesmoor aufgeführt wurde, waren Hermann Edzards und Albert Janssen von der Spöldeel Aurich auch Mitspieler. Die Regie dieses Stückes lag in den Händen des Intendanten des Stadttheaters Wilhelmshaven, Rudolf Sang. Die Mitarbeit dieses qualifizierten Regisseurs hatte entscheidenden Anteil an dein weiteren Erfolg der Spöldeel. Hier fanden erstmals Überlegungen statt, Anschluss an den Niederdeutschen Bühnenverband zu suchen. Im November 1962 tauchte dieser Gedanke wieder auf und man bewarb sich darauf um die Aufnahme in diesen Bühnenbund. Den Aurichern wurde in den Vorverhandlungen gleich zur Pflicht gemacht. jährlich zwei Vollinszenierungen zu leisten. Zu der Letztmarktaufführung 1963 „De Hochtiedsbidder“ erschienen der Präsident des Niederdeutschen Bühnenbundes, Willy Beutz, und der Intendant des Stadttheaters Wilhelmshaven, um die Qualität der Aufführung zu prüfen. Beide Herren waren mit der Aufführung außerordentlich zufrieden und bescheinigten der Spöldeel, dass sie eine einwandfreie Leistung erbracht hatte. Damit wäre sie nunmehr als 18. Bühne in dem Niederdeutschen Bühnenbund aufgenommen. Für weitere Regiearbeiten konnte nun Günter Wiemer gewonnen werden, der weiter der Bühne treu blieb und auch später im Vorstand tätig war. Später wurde ihm wegen seiner Verdienste die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Die Satzung des Niederdeutschen Bühnenbundes setzte völlige Selbständigkeit der Bühnen voraus. Nach längeren Verhandlungen konnte dennoch die Bezeichnung „Spöldeel im Heimatver­ein Aurich“ erhalten bleiben. Die traditionelle Verbindung der an sich freien Spöldeel zum Heimatverein konnte dadurch erhalten werden, dass der Spölbaas Sitz und Stimme im Vorstand des Heimatvereins behalten konnte.

Doch nicht nur Spölbaas, Regisseur und die Darsteller sind allein Garanten für den Dauererfolg der Spöldeel. An dieser Stelle wird es Zeit, auch der Haarkünstler zu gedenken, die im Stillen hinter der Bühne die Köpfe der Spieler der jeweiligen Zeit und Rolle gemäß herrichten. Viele Jahre wirkte der Friseurmeister Daniel hier. Nach dem Kriege erfüllte diese Aufgabe der Friseurmeister Wentzel, der aus Emden kam. Zwischendurch frisierte auch Meister Lamken. Alle Genannten erfüllten ihre Aufgabe zu hoher Zufriedenheit. Als nun Meister Wentzel in seine Heimatstadt Emden zurückkehrte, konnte der Friseurmeister B. A. Schimmelpfennig für dieses Fach gewonnen werden. Seine Einfühlsamkeit in diese Aufgabe verschaffte ihm hohes Lob. Sein Wirken wurde später mit der Ehrenmitgliedschaft der Spöldeel belohnt.

Mit ihm wirkten viele Mitglieder als Bühnenbauer und Maler mit. Zur weiteren Bühnentechnik gehören auch noch die Beleuchter, Geräuschemacher und Vorhangzieher. Nach dem Tode Schimmelpfennigs nahm Christa Schmidt diese Aufgabe wahr. Heute richtet Christina Freitag die Köpfe der Darsteller her. Auf keinen Fall darf Reent Goudschaal unerwähnt bleiben, der sich als Fachmann für den Bühnenaufbau große Anerkennung erworben hat. Auf seiner Dreschdiele entstand ein leicht zu transportierender Bühnensatz, der erstmals 1956 bei der Aufführung des Stückes von August Hinrichs „Wenn de Hahn kreit“ als Giebelwand des Hauses Kreyenburg benutzt wurde. Unter dem Motto „das andere Stück im anderen Haus“ bringt die Spöldeel zusätz­lich zu ihren jährlichen Aufführungen alle zwei Jahre im Ostfrieslandhaus ein ernsthaftes Stück zur Aufführung. 1993 wurde „Lüchtfüer“, 1995 „Amanita“ und 1997 „Bahnmeester Dood“ gegeben.

Dank der Mitgliedschaft im Niederdeutschen Bühnenbund besteht die Möglichkeit, auch Berufsregisseure für die Einstudierungen anzuwerben. Hier ist Hans Peter Renz besonders hervorzuheben, der 1986 den „Hexenhoff“, 1989 „Sluderkram in‘t Trappenhus“ und 1992 „To ‘n Düvel mit den Sex“ zur Reife brachte. Weitere Gastregisseure waren Karl-Heinz Herpel aus Wil­helmshaven und Erika Petersen aus Wittmund. Für die Jubiläumsaufführung „Loop doch nich alltied weg“ konnte Rudi Plent aus Oldenburg gewonnen werden.