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Artikel Ostfriesische Nachrichten vom 09.03. 09

Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 09. März 2009

Und hier noch einmal der Text:

Zwei Ganoven gehen durch dick und dünn

Niederdeutsches Theater Aurich zeigt „Een Joghurt för twee" nach „The Starving Rich" von Stanley Price im Ostfrieslandhaus

VON Werner Jürgens

AURICH - Je dünner für jemanden die Luft wird, desto dicker kann es manchmal kommen. Erst recht paradox wird die Situation, wenn der Ort des Geschehens ausgerechnet eine Diätklinik ist, so wie in der Komödie „Een Joghurt för twee". Am vergangenen Freitag feierte das Ensemble des Niederdeutschen Theaters Aurich mit diesem Stück in einer Inszenierung von Wilhelm Arends im „Ostfrieslandhaus" Premiere.

Protagonist der Geschichte ist der Immobilienmakler Peter Fischer. Der hat sich wegen ein paar Pfunden zu viel für eine Entschlackungskur in eine teure Diätklinik einweisen lassen. Indes tröstet ihn der ganze Luxus wenig, als er merkt, wie eisern die leitende Ärztin Dr. Schmalkopf das rigide Diät-Programm durchzieht. Erst gibt es ausschließlich Zitronenwasser, danach als einzige Krönung des Tages nichts weiter als einen läppischen Joghurt. Zwar vermag Diätschwester Eva Siemann Peter Fischers Laune ab und an zu heben. Aber so richtig genießen kann er das Techtelmechtel nicht, da seine eigene Gattin Hilde Fischer ebenfalls in der Klinik untergebracht ist und ständig ein Auge auf ihn hat.

Selbst die Proviantvorräte, die Fischer heimlich in sein Zimmer geschmuggelt hat, sind schnell aufgebraucht, zunächst, weil er von Georg Manning, einem Mitpatienten, beklaut wird, und dann, weil er irgendwann ebenso unerwarteten wie ungebetenen Besuch erhält. Bei dem Eindringling handelt es sich um den Sträfling Kutte Kaminski, der auf der Flucht vor der Polizei ist. Von dem an und für sich logischen Schritt, den Übeltäter zu „verpfeifen", nimmt Peter Fischer aus zweierlei Gründen bald Abstand: Erstens macht Kaminski den Eindruck eines ziemlich brutalen Typen, mit dem nicht zu Spaßen ist. Zweitens weiß der Sträfling durch einen Zellengenossen, dass der saubere Immobilienmakler selber mächtig Dreck am Stecken hat.

Wohl oder übel versuchen die beiden Ganoven ab jetzt, miteinander klar zu kommen und müssen sich fortan die ohnehin magere Kost eines einzigen Joghurts sogar noch miteinander teilen. Als schließlich Inspektor Kalmus auf der Suche nach Kaminski in die Klinik kommt, spitzt sich die Situation zu...

„Een Joghurt för twee" basiert auf einer Komödie des englischen Autors Stanley Price und trägt im Original denTitel' „The Starving Rich". Wörtlich übersetzt heißt das „der hungernde Reiche", was ein recht perfides Merkmal der wohlhabenden Seite unserer Überflussgesellschaft, nämlich dass manche Menschen einen Haufen Geld dafür ausgeben, absichtlich Hunger zu leiden, um unnötige Pfunde abzunehmen, eigentlich vortrefflich auf den Punkt bringt. Auch die Idee, einen entflohenen Häftling mit einem nach außen hin gut situierten, in Wahrheit aber genauso in dunkle Machenschaften verstrickten Immobilienhai zusammen zu bringen, klingt auf den ersten Blick reizvoll. Allein bleiben bei Stanley Price viele solcher guten Ideen im Ansatz stecken und verlieren sich zum Teil sogar ins Unlogische.

Warum zum Beispiel muss Kutte Kaminski extra noch handgreiflich und brutal gegenüber Peter Fischer werden, wo er diesen aufgrund der Informationen eines Zellengenossen sowieso schon längst in der Hand hat? Das lenkt bloß von den sicher nicht minder verachtenswerten Gaunereien des Immobilienhais ab. Ebenso wirkt dessen Techtelmechtel mit der Diätschwester und der Schachzug, dass seine werte Frau Gemahlin in einem Seitenflügel der Klinik untergebracht ist, dramaturgisch unausgegoren.

Insofern kann sich Stanley Price beim Ensemble des Niederdeutschen Theaters Aurich herzlich bedanken, weil die durch ihr großes Engagements einiges aus dem Stück herausholen. Allen voran ist hier Johann Mühlenbrock zu nennen, der die stattliche Erscheinung des Peter Fischer rundum glaubwürdig spielt und bei der Premiere am Freitagabend regelmäßig mitfühlende Seufzer aus Publikum erntete, wenn die Diät-Kost zum wiederholten Male extrem schmal ausfiel. Sichtlich Spaß auf der Bühne hatte auch Wilhelm Arends, der nicht nur den entflohenen Ganoven Kutte Kaminski verkörperte, sondern darüber hinaus in seiner Funktion als Regisseur maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, dass die Auricher Inszenierung durch zahlreiche kleine Pointen und Gags zusätzlich aufgewertet worden ist.

Neuling Stefan Dirks lieferte bei seiner Feuertaufe am Freitag eine ordentliche Leistung. Zwar interpretierte er die Figur des Georg Manning anfänglich mit extremer Zurückhaltung. Allerdings machte das im Hinblick auf den weiteren Verlauf der Handlung durchaus Sinn. Wesentlich resoluter durften die drei weiblichen Nebendarsteller Heike Tunder, Elke Gronewold und Karina Noormann in ihren jeweiligen Rollen als Hilde Fischer, Dr. Schmalkopf und Eva Sielmann zu Werke gehen. Sie lösten ihre Aufgaben letztlich ebenso hervorragend wie Werner Klattenberg, der als leicht schusseliger Inspektor Kalmus erst relativ spät in das Geschehen eingreifen konnte, sich jedoch trotzdem nahtlos einfügte.

Wer wissen möchte, ob aus den beiden Ganoven Kutte Kaminski und Peter Fischer am Ende vielleicht sogar noch dicke Freunde werden: „Een Joghurt för twee" läuft bis zum 20. März im „Ostfrieslandhaus". Die nächste Vorstellung findet am kommenden Mittwoch, 11. März statt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Nähere Informationen gibt es auch im Internet auf der Website unter www.ndb-aurich.de

 


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Bildunterschrift: Diät-Patient Peter Fischer (Johann Mühlenbrock, links) hält sich lieber zurück. Denn mit seinem neuen Mitbewohner Kutte Kaminski (Wilhelm Arends), genannt „Der Quetscher", ist ganz offensichtlich nicht zu spaßen.

bild: Jürgens

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