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Artikel Ostfriesische Nachrichten vom 26.10.09

Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 26. Oktober 2009

Und hier noch einmal der Text:

Leichenschmaus entwickelt sich zum Familienkrieg

Das Ensemble des Niederdeutschen Theaters Aurich zeigt im Ostfrieslandhaus das Stück „De letzt Will" von Fitzgerald Kusz

von Werner Jürgens

AURICH - Jedes noch so traute Familienglück kann durch einen Todesfall empfindlich erschüttert werden. Das gilt erst recht, wenn es danach etwas zu erben gibt. Diese Erfahrung machen auch die Akteure in der Komödie „De letzt Will" von Fitzgerald Kusz, mit der das Niederdeutsche Theater Aurich am Sonnabend im „Ostfrieslandhaus" Premiere feierte.

Die alleinstehende Erbtante Martha ist tot und hinterlässt ein beträchtliches Vermögen. Obwohl sie und ihre liebe Verwandtschaft sich nie ausstehen konnten, sind doch alle zur Beerdigung erschienen. Im Anschluss versammelt man sich in Tante Marthas guter Stube, wo sich bald die Fronten klären.

Auf der einen Seite versammeln sich die Kuhlmanns mit Marthas Neffen Heinz als Wortführer und dessen Frau Karin, die allerdings nichts bei ihrem Gatten zu melden hat. Auf der anderen Seite stehen die Wichmanns mit Marthas Schwester Olga an der Spitze. In deren Schlepptau befinden sich die labile Tochter Ursel und der dafür umso forscher auftretende Sohn Kurt, der lediglich ab und zu von seiner alkoholabhängigen Frau Siggi verunsichert wird.Zwischen den Fronten sind der Musiker Klaus, der mit Marthas inzwischen verstorbener Nichte Irmgard verheiratet war, sowie Rotbüddel, der langjährige Hausmeister der Tante, und dessen enger Freund Hinrich Claassen, der als zusätzlicher Möbelpacker engagiert wird. Die Verwandtschaft macht sich nämlich umgehend daran, den Hausrat der Verstorbenen aufzulösen, um die besten Stücke für sich abzugreifen. Dabei wird um alles, was halbwegs wertvoll erscheint, erbittert gestritten. Jede Seite fühlt sich übervorteilt und glaubt, sie würde zu kurz kommen.

Dann taucht ein Testament auf, in dem das gesamte Vermögen ausgerechnet Klaus zugesprochen wird. Nun ist sich die Bagage plötzlich einig, dass so ein daher gelaufener Musiker auf keinen Fall etwas kriegen soll. Zwar setzen sie sich erfolgreich vor Gericht gegen ihn zur Wehr. Aber das letzte Wort und erst recht der letzte Wille der Tante ist damit noch lange nicht gesprochen.... Der Autor von „De letzt Will" heißt in Wahrheit nicht Fitzgerald sondern Rüdiger Kusz. Bekannt geworden ist der gebürtige Nürnberger durch sein 1976 uraufgeführtes Mundart-Theaterstück „Schweig Bub!", in der er eine kleinbürgerliche Familie während einer Konfirmationsfeier satirisch aufs Korn nimmt.

Mit dem Künstlervornamen hat es dennoch seine tiefere Bewandtnis. Bevor er sich als Schriftsteller selbstständig machte, war Kusz Englischlehrer und hat auch ein Jahr in England unterrichtet. Der typisch schwarze britische Humor hat dort offensichtlich auf ihn abgefärbt. Genau wie „Schweig Bub!" steckt auch das in seiner ursprünglichen Fassung 1997 veröffentlichte „De letzt Will" voller bissig-böser Pointen und spart nicht mit sozialkritischen Zwischentönen.

Beides haben Regisseur Heiner Alberts und sein Ensemble in ihrer Inszenierung exzellent herausgearbeitet. So werden gerade die anfänglich zurückhaltend agierenden Figuren wie die psychisch labile Tochter Ursel,die unter der Fuchtel ihres Gatten stehende Karin Wichmann und der liebenswerte Musiker Klaus von Uta Folkerts, Jannette Ulferts-Spies und Stefan Dirks absolut vorbildlich interpretiert.

Analog dazu entwickeln die „alten Hasen" Wilhelm Arends und Albert Janssen als Hausmeister Rotbüddel und dessen Kumpel Hinrich Claassen eine dermaßen starke Bühnenpräsenz, dass sie selbst dann viel sagen, wenn sie eigentlich gar nichts zu sagen haben. Eine starke Leistung liefert zudem Herma C. Janssen, die als Schnapsdrossel Siggi einen stetigen Balance-Akt zwischen Komik und Tragik hinlegen muss, diesen jedoch jederzeit glänzend bewältigt. Edda Dedekind und Michael Niendieker als Schwester Olga und deren Sohn Kurt sowie Johann Mühlenbrock in der Rolle des Neffen Heinz entpuppen sich last but not least als ideale „Führungspersönlichkeiten" im Kampf um das Erbe der verstorbenen Tante. Am Ende kriegt tatsächlich jeder und jede in der Familie das, was ihm und ihr zusteht. Doch bis dahin haben alle Beteiligten einige Irrungen und Wirrungen zu überstehen.

Wer sich das Stück gerne anschauen möchte: „De letzt Will" läuft bis einschließlich 6. November im Auricher „Ostfrieslandhaus". Die nächste Aufführung ist am kommenden Mittwoch, 28. Oktober, ab 20 Uhr. Danach finden am 20. und 21. November zwei Vorstellungen im Ihlower „Bürgerhaus" statt. Karten für die Aufführungen im „Ostfrieslandhaus" gibt es bei der Firma Abegg in Aurich an der Osterstraße oder an der Abendkasse. Der Kartenvorverkauf für die beiden Vorstellungen im „Bürgerhaus" läuft über das Rathaus Ihlowerfehn (Tel. 04929 / 89 100).

Weitere Informationen bekommt man ansonsten auf der Internetseite des Niederdeutschen Theaters Aurich aufwww.ndt-aurich.de oder unter der Telefonnummer 04941/6183 (GertrudHeyen).

Bildunterschrift: Hausmeister Rotbüddel (Wilhelm Arends, 2. von links) und sein Kumpel Hinrich Claassen (Albert Janssen, 2. von rechts) müssen hilflos dabei zusehen wie Olga (Edda Dedekind) und ihr Sohn Kurt (Michael Niendieker) mit Heinz (Johann Mühlenbrock, Bildmitte) um jedes Erbstück erbittert feilschen.

Foto: Jürgens

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