Mitgliedschaft: Heimatverein Aurich e.V. · Niederdeutscher Bühnenbund Niedersachsen und Bremen e.V. · Arbeitsgemeinschaft ostfriesischer Volkstheater e.V.

nach unten

Artikel Ostfriesische Nachrichten vom 01.11.2010

Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 01. November 2010

Und hier noch einmal der Text:

Viel unnützes Gerede und ein schweigsames Kind

Ensemble des Niederdeutschen Theaters Aurich liefert frische Inszenierung des Bühnenklassikers „Holl di still" von Fitzgerald Kusz

Von Werner Jürgens

AURICH Wer Verwandte hat, braucht keine Feinde. Diese Erkenntnis steckt auch in dem satirischen Volksstück „Schweig, Bub!" von Fitzgerald Kusz. Eine aufgefrischte plattdeutsche Version mit dem Titel ..Holl di still" unter der Regie von Wilhelm Arends steht aktuell auf dem Spielplan des Niederdeutschen Theaters Aurich. Am Freitag war Premiere im „Ostfrieslandhaus".

Schauplatz des Geschehens ist die Konfirmationsfeier von Wiebke. Um sie herum haben sich ihre lieben Verwandten versammelt. Während Mutter Grit permanent um einen möglichst perfekten Ablauf der Feier bemüht ist und einen Essensgang nach dem anderen auftischt, nutzt Vater Hannes jegliche sich nur bietende Gelegenheit, um sich ein alkoholisches Getränk zu genehmigen. Das führt bald zu Streitigkeiten, die im weiteren Verlauf eskalieren.

Onkel Willi und Tante Anna gehl es nicht viel besser. Die sind schon so lange miteinander verheiratet, dass sie sich nur noch auf die Nerven gehen und fleißig gegenseitig Gemeinheiten an den Kopf schmeißen, Gerda und Manfred sind zwar erst relativ frisch vermählt. Doch auch ihre Beziehung ist keineswegs krisenfrei. Den Wellness- und Gesundheits-Tick seiner Frau kann und mag Pantoffelheld Manfred insgeheim beispielsweise gar nicht nachvollziehen.

Kusine Manu ist aus irgendeinem Grund ohne ihren Gatten gekommen. Zudem hat sie sich ziemlich aufgedonnert und macht recht unzweideutige Bemerkungen an die Adresse der Männer am Tisch.

Schließlich wäre da noch die Konfirmandin Wiebke, um die sich diese Feier ja eigentlich drehen sollte. Allein hat die vermeintliche Hauptperson an ihrem Ehrentag praktisch nichts zu sagen. Wenn die Erwachsenen ihre zumeist völlig sinnfreien Konversationen über Kochrezepte, Preiserhöhungen und warum früher eh alles besser war führen und das Kind sich einmischen oder nur eine Verständnisfrage stellen möchte, lautet die Antwort in der Regel: „Holl di still, Wicht!"

Der Autor der Originalvorlage zu „Holl di still" heißt in Wahrheit nicht Fitzgerald sondern Rüdiger Kusz. Mit dem Künstlervornamen hat es trotzdem seine tiefere Bewandtnis. Bevor er sich als Schriftsteller selbstständig machte, war Kusz Englischlehrer und hat ein Jahr in Großbritannien unterrichtet. Der typisch schwarze Ibritische Humor hat dort offensichtlich auf ihn abgefärbt und auch in „Schweig, Bub!" seinen Niederschlag gefunden.

Das Stück ist ursprünglich in fränkischer Mundart! geschrieben und entwickelte sich, nachdem es am 6~ Oktober 1976 im Schauspielhaus Nürnberg zum ersten Mal aufgeführt worden war, umgehend zu einem Sensationserfolg. Inzwischen existieren mehrere deutsche- Dialektfassungen, die in acht verschiedenen Fernsehaufzeichnungen festgehalten sind, und eine flämische- Version. In Nürnberg, wo das Stück bis heute rund 700 Mal lief, steht es auch nach fast 35 Jahren nach wie vor auf dem Spielplan. Dieses Phänomen ist umso erstaunlicher, als „Schweig, Bub!" fast komplett auf die üblichen Stilmittel gängiger Volksstücke verzichtet.

Auf ein Happy-End - das sei an dieser Stelle schon mal verraten - wartet man bis zum Schluss vergeblich. Statt die Konflikte zu lösen, treibt der Autor sie einfach auf die Spitze. Lustig anzuschauen ist das trotzdem, weil vermutlich beinahe jeder gewisse Details und Charakterzüge einzelner Figuren aus seinem eigenen Umfeld oder gar von sich selber kennt, wenngleich einem insbesondere in manch tragischen Momenten vielleicht das ein oder andere Lachen im Halse stecken bleiben mag.

So etwas von der Bühne einem Publikum nahe zu bringen, erfordert neben hohem schauspielerischen Potenzial vor allem viel Einfühlungsvermögen und eine gute Abstimmung untereinander. Da die Handlung eher statisch verläuft, müssen die Dialoge für den notwendigen Pepp sorgen.

Geradezu vorbildlich agieren hier in der Auricher Inszenierung Rainer Gleibs und Edith Gleibs, die sich als Onkel Willi und Tante Anne glänzend gegenseitig die Bälle zuspielen. Aber auch Heike Tunder und Stefan Dirks sind in ihren Rollen als kiebige Gerda und ihr Pantoffelheld Manfred rundum überzeugend. Gleiches gilt für Lydia Schwitters, die als Kusine Manu zunächst Zurückhaltung übt, um nach der Pause im zweiten Teil dann richtig aufzudrehen. Ähnlich geschickt dosieren Johann Mühlenbrock und Elke Gronewold das Temperament ihrer Figuren Hannes und Grit. Selbst wenn die scheinbar friedlich miteinander umgehen, spürt man deutlich, dass in beiden ein wahrer Vulkan unterdrückter Gefühle brodelt, der jedem Moment explodieren kann. Ein dickes Extralob hat sich last but not least Hilke Peters in der Rolle der Konfirmandin Wiebke verdient. Das junge Talent bewältigt den schwierigen Spagat, über weite Strecken still sitzen zu bleiben und trotzdem starke Bühnenpräsenz zu zeigen, mit einer bemerkenswerten Souveränität. Insofern war diese Besetzung eine goldrichtige Entscheidung, die dem Stück sichtlich gut getan und ihm eine frische neue Perspektive verpasst hat.

In sämtlichen bisherigen anderen Fassungen sind bis dato nämlich ausschließlich Jungens konfirmiert worden. Die noch recht neue plattdeutsche Adaption von Hartmut Cyriacks und Peter Nissen reiht sich hier nahtlos ein. Mit Themen und Begriffen wie Anti-Aging, I-Pod oder AIDS haben die Autoren die Handlung zwar behutsam dem aktuellen Zeitgeist angepasst, ohne dabei jedoch die ursprünglichen Aussagen und Botschaften des Stückes anzutasten oder gar zu verändern.

Wer sich diese wirklich sehenswerte Inszenierung anschauen möchte, hat dazu im Verlaufe diesen Monats ausreichend Gelegenheit. „Holl di still" läuft noch bis zum 12. November im Auricher „Ostfrieslandhaus". Die nächste Vorstellung findet dort bereits am kommenden Mittwoch, 3. November, statt. Beginn ist um 20 Uhr. Darüber hinaus gibt es am 19. und 20. November zwei weitere Aufführungen im Bürgerhaus Ihlow.

Eintrittskarten für die Termine im „Ostfrieslandhaus" sind bei der Firma Abegg in Aurich an der Osterstraße oder an der Abendkasse erhältlich. Der Kartenvorverkauf für die beiden Vorstellungen im „Bürgerhaus" läuft über das Rathaus in Ihlowerfehn, Telefonnummer. 04929/89100.

Weitere Informationen bekommt man ansonsten auch auf der Internetseite des Niederdeutschen Theaters Aurich unter der Adresse www.ndt-aurich.de.

Bildunterschrift: Während Mutter Grit (Elke Gronewold, links) um einen reibungslosen Ablauf der Feier bemüht Ist, beschränken sich die Aktivitäten von Vater Hannes (Johann Mühlenbrock) hauptsächlich darauf, den Nachschub an Alkohol sicher zu stellen. Tochter Wiebke (Hilke Peters) wird unterdessen dazu verdonnert, die meiste Zeit über den Mund zu halten.

Foto: Jürgens

wieder nach oben

Artikel zum Herunterladen als

Zum Öffnen der Dateien in Ihrem Brower bitte nur klicken, zum Speichern bitte den Link mit der rechten Maustaste anklicken und "Ziel speichern unter" auswählen.