Mitgliedschaft: Heimatverein Aurich e.V. · Niederdeutscher Bühnenbund Niedersachsen und Bremen e.V. · Arbeitsgemeinschaft ostfriesischer Volkstheater e.V.

nach unten

Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 25. Februar 2013

Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 25. Februar 2013

Und hier noch einmal der Text:

Frivoles Boulevard statt zotigen Bumsfalleras

Volltreffer: Niederdeutsches Theater Aurich mit brillanter Inszenierung der "Bloot Foten bit an d‘Hals - Verbaler Salto mortale

Von GERD-D. GAUGER

AURICH Da sitzt man nun und starrt auf die leere Seite. Alles Wohlwollende, ja, gelegentlich sogar Superlative ist verbraucht in diesem Spöldeel-Winter. Und dann dies: "Bloot Foten bit an d' Hals" - Niederdeutsches Theater Aurich. Gehen Sie hin und schreiben Sie uns eine Kritik?" fragte die ON-Redaktion. Na, klar, die leichteste aller Übungen. "Ein Kritiker", sagt Erich Segal," ist ein Mann, der sehr böse wird, wenn dem Publikum etwas gefällt, was er nicht mag." Und dann dies: Ihm gefällt 's nicht nur, ihm schwänden die Sinne, wäre er nicht in langen Kritikerjahren gestählt. Was sich da am Sonnabend im Ostfrieslandhaus tat, war - um es mit Kurt Tucholsky zu sagen - ,,mehr als eine Veranstaltung. es war ein Evenement". Doch diese verdammte leere Seite. Und dann dies: "wenn ich den Gedanken beim Wort nehme, dann kommt er" (Karl Kraus). Er ist da. Es ist auf einmal ganz einfach. Henry Ford, der Mann, von dem man Autos in jeder Farbe bekommen konnte, solange sie schwarz war, hat's angeraten: „Sag's ihnen mit Schmus!" Also dies: Wenn es jemals plattdeutsches Theater (mit Vorgaben der Autoren Stephen Sinclair und Anthony McCarten) gegeben hat, das sich aus dem fleischfarbenen Oma-Korsett der klamaukigen 50er-, 60er-, beliebig fortsetzbaren Jahre befreite, dann ist es die Inszenierung der "Foten".

Chapeau, Chapeau für Heike Tunder, Jannette Ulferts-Spies und Herma C. Janssen. Letztere ist auch Spölbaas, und bei allem Respekt vor der Mannschaft (das Programmheft verzeichnet zwölf Spieler, sieben Mitglieder des "Stabes" und 17 Requisiteure!) bleibt eines hängen, auch wenn sie 's nicht wahrhaben will: ln ihrer Ägide hat sich die Bühne aus einer längeren Lethargieperiode (die gab 's wirklich, auch wenn die Bühnenangehörigen es nicht wahrhaben wollen) befreit. 90 Jahre gibt es dieses Theaterklottje schon, Großmeister des Plattdeutschen wie Hinnerk Schoolmann oder Hermann Edzards haben ihm über Jahre hindurch ihren Stempel aufgedrückt. Und dann dies: Auf bloßen Füßen die Befreiung vom Herkömmlichen hin zum Boulevard. Und wie! "Das hat uns gerade noch gefehlt" (Tucholsky) oder - bei anderer Gelegenheit - „Nun ham' Se uns“ (Engelbart Onnen). Sie haben uns, die wir intelligenten Boulevard dem Bumsfallera vorziehen.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Sechs Arbeitslose, von Glück und Weib verlassen, strippen für Bares. Oder auf Neudeutsch: Catch Cash like Chippendales. "Ein Mann?", sagt Kate Millett, „Das ist doch nur ein paar Zentimeter Fleisch mehr!" Was heißt „nur“ ein paar Zentimeter? Frau Millet hätte mal im Ostfrieslandhaus sein sollen. Zeitgenossen ist nicht erinnerlich, dass Frauen „die Rätselecken in Gottes großer Weltzeitung" (Marcel Achard), jemals so gejucht hätten, wie am Sonnabend beim Anblick von sechs, hm, adonistischen Körpern, die von Bier oder wer weiß was geformt wurden. Deftig, niemals zotig, ein verbaler Salto mortale nach dem anderen, ein frivoler Flic-Flac, ironisch, satirisch - und plattdeutsch.Es geht doch! ln Aurich, wo das Platt einst als unfeines Gestammel galt und die Frage eines uns allen bekannten, beflissen hochdeutsch sprechenden Milchmannes ("Darf ich Sie was reintun?") zur stehenden Redensart wurde, bringt ein überwiegend aus Städtern rekrutiertes Ensemble „süver Platt" auf die Bühne, an dem man sich Hände und (bloße) Füße wärmen kann.

Apropos Ensemble. Die Stripper sind Robert Janssen, Michael Niendieker, Heiner Alberts, Stefan Dirks, Rainer Gleibs und Andreas Weber. Altmeister Wilhelm Arends versucht's mal, ist aber zu prüde und behält die Büxen an. Chargenrollen sind für Johann Mühlenbrock, Gesa Tischner, Anita Dieck, Manuela Linemann und Tjado lhmels. Und für all die dienstbaren Geister, die Schlag auf Schlag das Bühnenbild verändern – auch das Teil einer genialen lnszenierung. „Schauspielern ist lediglich die Kunst, eine große Gruppe von Leuten vom Husten abzuhalten", meinte Ralph Richardson. Denkste. So wie 's die Auricher machen ist das Kunst, und Kunst, sagt Leo N. Tolstoi, ist eine ansteckende Tätigkeit; je ansteckender sie ist, umso besser ist sie. Die Ansteckung im Ostfrieslandhaus wurde zur Epidemie!

Bildunterschrift kleines Bild: Auch Wilhelm Arends versucht sich als Stripper, aber so ganz klappt's nicht - de Büx blifft an.

Bildunterschrift großes Bild: Wer oder was formte diese Körper? Robert Janssen, Michael Niendieker, Heiner Alberts, Stefan Dirks, Rainer Gleibs und Andreas Weber als umwerfender Chippendale-Verschnitt.

Fotos: Gauger

 

wieder nach oben

Artikel zum Herunterladen als

Zum Öffnen der Dateien in Ihrem Brower bitte nur klicken, zum Speichern bitte den Link mit der rechten Maustaste anklicken und "Ziel speichern unter" auswählen.