Mitgliedschaft: Heimatverein Aurich e.V. · Niederdeutscher Bühnenbund Niedersachsen und Bremen e.V. · Arbeitsgemeinschaft ostfriesischer Volkstheater e.V.

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Quelle: Ostfriesische Nachrichten vom 28. Februar 2015

Keine Bühne – kein Theater

Aurich Gruppe sagte Frühjahrs-Inszenierung ab / Kassenwartin: Lage ist existenzbedrohend

Aurich. Die Gesichter sind todernst. Und das ist nicht gespielt. Der Vorstand des Niederdeutschen Theaters (NTD) Aurich bemüht sich seit über einem Jahr um eine neue Spielstätte. Mit dem mindestens vorläufigen Ende des Ostfrieslandhauses verlor auch die Auricher Traditionsbühne ihr Heim. Nun fragen sie die Zuschauer nach dem neuen Stück, aber die Theaterleute müssen ihre Frühlingsaufführung komplett absagen.

Bühnenleiterin Herma Janssen wirkt verzweifelt, wenn sie das sagt. Sie kommt gerade von der Probe der Theaterwarkstää. Knapp 20 junge Leute, die seit einigen Jahren mit großem Eifer spielen und Plattdeutsch sprechen oder noch lernen, können sich kaum entwickeln. Praktische Bühnenerfahrung ist derzeit schwer zu sammeln. Aber auch die „Großen“ machen sich große Sorgen. „Die Lage ist existenzbedrohend“, sagt Kassenwartin Uta Folkerts. Und Janssen ergänzt verzweifelt: „Seit 92 Jahren sind wir fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Aurich.“

„In Aurich“ – genau das ist das Problem. In Aurich gibt es derzeit keine geeignete Spielstätte für das NDT. Die Zukunft des Ostfrieslandhauses ist offen. Nach langen Verzögerungen und gescheiterten Kaufversuchen soll laut Bundesanstalt für Immobilienaufgaben im März neu ausgeschrieben werden. Dann folgt das Bieterverfahren, die Prüfung des höchsten Angebotes, eventuell die nächsten Schwierigkeiten. Bis der Kauf besiegelt ist, können noch Monate vergehen. Und nach einem Verkauf könnte das Haus auch anders als gastronomisch genutzt werden.

Das ist die Angst der Theaterleute. Und sie sind eher ängstlich als wütend, denn einen Schuldigen gibt es für die Schwierigkeiten nicht. Sie stehen seit einem Jahr mit dem Bürgermeister in Kontakt. Heinz-Werner Windhorst bemühe sich sehr, könne jedoch nicht helfen, sagt Janssen.

Es müsste ein Raum zur Miete gefunden werden

Die Stadt ließ das Familienzentrum bauen. Ein Ostfrieslandhaus braucht sie nun nicht mehr als eigene Kultur- und Begegnungsstätte. Selbst kaufen kann der gemeinnützige Theaterverein auch nichts. Es müsste ein Raum zur Miete gefunden werden. „Man glaubt gar nicht, was wir uns in den vergangenen Monaten alles überlegt und wen wir alles gefragt haben“, sagt Johann Mühlenbrock, „dabei brauchen wir eigentlich nur einen Raum für 120 bis 150 Zuschauer und eine Bühne, die für ein durchschnittliches Stück eine gewisse Größe haben muss.“ Wenn die Theaterleute ihre Drehbühne aufbauen wollen, brauchen sie rund acht Meter im Quadrat. Eine größere Breite wäre günstig.

Die Realschule hat das NDT schon vor Jahren verlassen, weil Schule und Theater über mehrere Wochen nicht unter einen Hut zu bringen waren. Ähnlich sieht es auch in allen anderen Schulen aus: Die Bühne brauchte einen abgeschlossenen Raum, und das über zwei bis drei Wochenenden. Das ginge höchstens in den Ferien, sagt Janssen, „denn abbauen können wir nicht jedes Mal.“ Aber als praktikabel habe sich keine einzige der bisherigen Ideen der Theaterleute erwiesen. Aber man könne übergangsweise auch auf die Gegebenheiten reagieren, so Janssen.

Um die Durststrecke zu überbrücken, dachte der NDT-Vorstand schon über kleinere Inszenierungen nach. „Goot gegen Nordwind“, das romantische und moderne Zweipersonenstück, hätte es werden können, sagt Janssen. Doch auch hier wäre ein gut durchdachtes Bühnenbild nötig – planen kann man das nur mit Spielstätte. Das NDT brach die Überlegungen ab.

Großprojekt „As Romeo un Julia“ ist geplant

Nun arbeiten die Theaterleute an einem Großprojekt. Jugendgruppe und Erwachsene wollen „As Romeo un Julia“ inszenieren – aber erst im kommenden Frühjahr. Für den Herbst wird jetzt fieberhaft ein Stück gesucht, denn dann ist die nächste Inszenierung fällig.

Und das im wörtlichen Sinne. Das NDT Aurich ist Mitglied im Niederdeutschen Bühnenbund (NBB). Da sind zwei Aufführungen im Jahr Pflicht, wenn man dabei sein und die Fortbildungen nutzen möchte. Einmal drücken die anderen Bühnen im NBB die Augen zu. Aber was wird im Herbst, wenn das Ostfrieslandhaus immer noch geschlossen sein sollte oder anders genutzt würde?

Ins Auricher Umland wollen die Theaterleute nicht umziehen. „Wir sind eine Auricher Bühne, nur so haben wir eine Chance“, sagt Janssen. Zuschauer wollten mit dem Rad anreisen können. Das Herbststück in Ihlow habe laut Janssen gezeigt: „Die Auricher kommen nicht in gleicher Zahl nach Ihlow wie ins Ostfrieslandhaus. Auch wenn die Bedingungen im Bürgerhaus sehr gut sind – wir kriegen unser Publikum nicht, wenn wir nur eine Woche am Stück spielen können.“ Niederdeutsches Theater sei auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen, sagt Folkerts. Richtig gut besucht seien die Vorstellungen dann, wenn Menschen davon zu schwärmen begonnen hätten. „Je länger wir nicht spielen, desto größer ist die Gefahr, dass wir Zuschauer dauerhaft verlieren“, fürchtet sie.

Mühlenbrock quält vor allem die Ungewissheit. Das NTD will das Ostfrieslandhaus nicht verlassen, wenn es noch eine Chance der Rückkehr gibt. Solange ein Aus der Bühne dort nicht definitiv sei, wolle man woanders nicht langfristig planen. Aber falls es so käme, würde sich das NDT um dauerhafte Alternativen bemühen. Doch wo könnte es die in Aurich geben?

Die Frage hängt im Raum, die Theaterleute fallen in brütendes Schweigen. Ein Haus für Theatergruppen wäre ein Traum, doch woher soll es kommen? Sein oder nicht Sein – das könnte für das NTD bald die Frage werden

Keine Bühne

Im Augenblick haben sie nur noch ihre Probenbühne in Haxtum. Deshalb haben Johann Mühlenbrock (von links), Herma Janssen,
Edda Dedekind und Uta Folkerts vom Vorstand des Niederdeutschen Theaters Aurich ihre Frühjahrsaufführung gestrichen und
suchen stattdessen eine neue Spielstätte. Foto: Baumann


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